Drucken

Hildesheimer Literaturlexikon von 1800 bis heute

35In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Hildesheim hg. von Dirk Kemper unter Mitarbeit von Nora Burda und Andrea Schindelmeier

 

kaufen button

 Konzeption

Der Typus des biographischen Lexikons mit regional oder thematisch definiertem Berichtgegenstand steht in Deutschland in einer dreihundertjährigen und zudem breit entfalteten Tradition. Mit der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert setzten Produktion und Publikation von Dichter- und Gelehrtenlexika ein, in denen sich zunächst barocke Gelehrsamkeit niederschlug und zugleich widerspiegelte.

 

Inhaltsverzeichnis

1707 legte Georg Serpilius seine Epitaphia oder Ehren-Gedächtnisse unterschiedlicher theologorum, die in Schwaben gebohren worden vor, 1712 folgte mit Christian Franz Paullinis Hoch- und wohl- gelahrtem Teutschen Frauen-Zimmer eines der ersten deutschen Lexika gelehrter Frau­en, 1715 wurden die Gelehrten Nordhausens lexikographisch vorgestellt, und noch im selben Jahr kam Georg Christian Lehms' Teutschlands galante Poetinnen heraus. Bis zur Mitte des Jahrhunderts lassen sich immerhin zwanzig lexikographische Publika­tionen dieser Art ermitteln, ein Jahrhundert später mehr als zweihundertfünfzig, bis heute schließlich weit über fünfhundert.

Von dieser Entwicklung blieb auch Niedersachsen nicht ausgeschlossen. Aus dem 18. Jahrhundert lassen sich Johann Dieterich Wincklers Nachrichten von niedersächsi­schen berühmten Leuten und Familierp anführen, das breite historische Interesse setzte hier wie auch sonst jedoch erst im Jahrhundert des Historismus ein, in dem die Retro­spektive weit in die Vergangenheit ausgedehnt oder historische Berichtzeiträume wie das Mittelalter separat thematisiert wurden. Parallel dazu begann die lokal begrenzte Lexikographie 1719 mit Johann Georg Bertrams Evangelischem Lüneburg, 1823 erschie­nen die ersten Bände von Heinrich Wilhelm Rotermunds Torso gebliebenem Gelehrtem Hannover, und auch in Braunschweig initiierte um diese Zeit der Verein für Natur­wissenschaften die biographische Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte. Hildes­heim allerdings - sieht man einmal von rudimentären Ansätzen im frühen 19. Jahr­hundert ab -blieb von dieser Entwicklung bis heute ausgeschlossen.

So verwunderlich thematische Auswahl und Begrenzung biographischer Lexika zuweilen auch anmuten, wenn beispielsweise der gelehrten Schuster in einem eige­nen Band gedacht wird, bilden Werke dieser Art doch wichtige Grundlagenquellen historischer Forschung, der die thematische Spezialisierung, sofern sie um der größe­ren Genauigkeit und Ausführlichkeit in der Aufarbeitung des eingeschränkten Gegen­standes willen geschieht, gar nicht eng genug sein kann. Kein Text der - tatsächlich oder vermeintlich - Großen, keine Quelle aus ihrem Umfeld und ihrer Zeit kann zum Sprechen gebracht werden ohne die detailgenaue Aufarbeitung von Zeitbezügen und die Kenntnis der involvierten „kleineren“ Zeitgenossen, die sich vor allem aus dem Fundus historischer biographischer Lexika erschließen lassen. Eingedenk dieses emi­nenten Quellen wertes für alle historisch arbeitenden Wissenschaften hat man die in keiner Bibliothek vollständig greifbaren biographischen Lexika seit den siebziger Jah­ren gesammelt, verfilmt, in einzelne Artikel zerlegt und in einem einzigen Alphabet neu systematisiert, so daß diese Quellenkompilation nunmehr in jeder wissenschaft­lichen Bibliothek greifbar sein sollte. Daß dieses außerordentlich kostenintensive Pro­jekt inzwischen auf den europäischen und außereuropäischen Bereich ausgeweitet wurde, mag abschließend als Hinweis auf den Quellenwert biographischer Spezial­lexika angeführt sein.

In diesem Sinne versteht sich auch das Hildesheimer Literaturlexikon zunächst als historisches Hilfsmittel für einen speziellen und begrenzten Sachzusammenhang. Deutlich sei gesagt: Hier ist kein Lokalpatriotismus am Werk und auch kein Heimat­kundebuch beabsichtigt. Damit soll jedoch keineswegs der Kreis der möglichen Leser auf die kleine Schar von Fachleuten begrenzt werden. Im GegenteÜ wurde bei der Konzeption der redaktionellen Richtlinien neben Genauigkeit und Vollständigkeit auch der Lesbarkeit der Artikel als dritter Hauptforderung Rechnung getragen. Ange­strebt war daher kein komprimiertes Datenhandbuch, das um der größtmöglichen Verdichtung von Informationen willen nur noch mit Stichworten und Satzfragmenten arbeitet, sondern ein lesbarer, ausformulierter Text, der zwar das Wesentliche auf knappem Raum zusammenfaßt, dem Leser jedoch notwendige Zusatzinformationen und Erläuterungen bietet.

Vor besonderen Problemen steht jeder Lexikograph hinsichtlich des realisierbaren Grades an Vollständigkeit und bei der Wahl des Berichtzeitraums. Kein Herausgeber wird je, ohne sich seiner Seriosität gleichsam selbst zu berauben, absolute Vollständig­keit angestrebt oder gar für sein Werk proklamiert haben. Wer um die Unvermeidbar­keit des partiellen Stückwerkcharakters solcher Unternehmungen wußte, versuchte vielmehr, diesem Umstand konzeptionell Rechnung zu tragen. Die Herausgeber des bedeutendsten Dichter- und Gelehrtenlexikons um die Wende vom 18. zum 19. Jahr­hundert, Georg Christoph Hamberger und Johann Georg Meusel, beispielsweise leg­ten ihr Gelehrtes Teutschland zwischen 1796 und 1834 gleich fünfmal vor, indem sie in jeder Neuauflage nur Ergänzungen, Korrekturen und Aktualisierungen nachtrugen, die ihnen zum Teil von interessierten Lesern oder von den behandelten Autoren selbst zugetragen wurden. Auch wenn das vorliegende Werk keineswegs mit dieser Pionier­leistung deutscher Lexikographie in eine Reihe gestellt werden darf, sollte doch das­selbe Prinzip gelten und Leser wie Autoren aufgefordert sein, dem Verlag Ergänzun­gen und Korrekturen mitzuteilen.

Potenziert erscheint das Problem der Vollständigkeit hier zudem durch die Wahl des sehr breiten Berichtzeitraums. Der völlige Mangel an Vorarbeiten und das Fehlen einer Universität als Kristallisationspunkt der Dokumentation des literarisch-gelehrten Lebens annähernd bis zum Ende des behandelten Zeitraums schienen eine solche Ausweitung zuzulassen, doch war der Ertrag sehr viel größer als vermutet: An die vierhundert Personen mußten biographisch und bibliographisch überprüft werden, gut zweihundertzwanzig genügten schließlich den für die Aufnahme definierten Kri­terien (s. u.). Dabei sind die Grenzen des Berichtzeitraums notwendigerweise mehr oder weniger willkürlich. Dies gilt uneingeschränkt für den terminus ad quem, den Redaktionsschluß, der stets die obere Grenze bildet, will man um der Aktualität willen auch die allerjüngste Vergangenheit einbeziehen. Der terminus a quo, der Einsatz des Berichtzeitraums, sollte hingegen inhaltlich begründet sein. Er orientiert sich in diesem Falle an der inzwischen in zahlreichen historischen und geisteswissenschaftlichen Disziplinen als Zäsur erkannten Epochenschwelle um 1800, mit der auch die deutsche Literatur nach heutiger Auffassung in die Moderne eintritt, auch wenn andere Ein­schnitte - etwa um 1750 - ebenso begründbar gewesen wären.

Kriterien

Ab wann ist ein Schriftsteller nicht nur nach eigenem Selbstverständnis, sondern auch in der Öffentlichkeit als solcher wahrnehmbar? Was soll in diesem Zusammenhang als Literatur gelten? Schließlich: Wer ist dem lokalen Berichtsfeld Hildesheim zuzuord­nen? Letzteres zu beantworten fällt noch relativ leicht. In Anlehnung an die systemati­sche Katalogisierung in der wissenschaftlichen Bibliothek des Stadtarchivs, einer der wichtigsten Quellen für die Erstellung der Lemmataliste, gilt als Hildesheimer, wer einen biographischen Bezug zum heutigen Stadtgebiet hat, in Hildesheim also geboren oder gestorben ist oder aber eine Phase seines Lebens hier verbrachte. Über dieses enge biographische Kriterium hinaus wurden auch solche Autoren aufgenommen, die Hildesheim in literarischen Texten beschrieben haben.

Schwieriger fiel die Entscheidung über den zugrundezulegenden Literaturbegriff. Deutlich geht die Tendenz in der literaturwissenschaftlichen Lexikographie zu einem weiten Literaturbegriff, der etwa Philosophen, Kunst- und Musikschriftsteller, aber auch Soziologen, Pädagogen oder Theologen, im weiteren Sinne also Fachschriftsteller aus dem geistigen Bezugsfeld der Literatur einschließt. Das Fehlen jeglicher Vorar- beiten ließ es jedoch im vorliegenden Falle geboten erscheinen, zunächst den Kembe- reich des literarischen Lebens der letzten zweihundert Jahre auf zu arbeiten, also nur solche Autoren zu berücksichtigen, die lyrische, dramatische oder epische Texte sowie Autobiographien oder Reisebeschreibungen vorgelegt haben. Dies gUt jedoch nur als Kriterium für die Aufnahme, nicht als Richtschnur zur Abfassung der Artikel, in de­nen grundsätzlich das gesamte schriftstellerische CEuvre der aufgenommenen Autoren unabhängig von dessen Literarizität vorgestellt werden soll. Als Schriftsteller gilt demnach, wer auch einen literarischen Text im oben definierten engeren Sinne ver­öffentlicht hat, der Pädagoge mit Schuldramen ebenso wie der in Nebenstunden mit Gedichten befaßte Jurist.

Besondere Abgrenzungsprobleme bot darüber hinaus die Gruppe der Gegenwarts­schriftsteller, zum einen wegen ihrer bei bedingungsloser Aufnahme gänzlich dispro­portional hohen Zahl, zum anderen wegen der durch Heimcomputer und Kopiergerä­te völlig veränderten Möglichkeiten der Textvervielfältigung unterhalb der Ebene des Verlagsbuchhandels. Kann als Schriftsteller gelten, wer an der Volkshochschule, in Sommerkursen oder bei anderen Gelegenheiten Übungen zum kreativen Schreiben belegt und seine Ergebnisse in eine Textsammlung eingebracht hat, die in kopierter Form im Freundeskreis der Teilnehmer kursiert - ohne daß damit irgend etwas über die literarische Qualität der Texte gesagt sei?

Da es prinzipiell nicht Aufgabe eines historisch berichtenden Lexikons sein kann, auf dem Wege der literarischen Wertung zu einer Auswahl der zu berücksichtigenden Autoren zu gelangen, bedurfte es eines formalen Kriteriums. Als solches wurde hier die überregionale und öffentliche Wahrnehmbarkeit festgelegt, die nur dann in ausrei­chender Weise als gewährleistet gelten soll, wenn der Autor entweder eine selbständi­ge Buchpublikation oder mindestens zwei unselbständige (Gedichte, Erzählungen etc. in Anthologien oder Zeitschriften) in Publikationen des Verlagsbuchhandels vorge­legt hat, so daß diese Texte prinzipiell überall über den Buchhandel greifbar sind oder es doch längere Zeit waren. Ein Ersatzkriterium bildete die Verleihung eines Litera­turpreises.

 

Entstehung

Die Beiträge zum vorliegenden Lexikon, aber auch die Erstellung der Lemmataliste und ein wesentlicher Teil der redaktionellen Arbeit wurden von Studentinnen und Studenten des Studiengangs Kulturpädagogik an der Universität Hildesheim erarbei­tet beziehungsweise getragen. Dank der Unterstützung des Instituts für deutsche Sprache und Literatur konnte der Herausgeber die Erstellung des Lexikons über einen Zeitraum von drei Jahren (WS 93/94 bis SS 96) in seinem Lehrangebot verankern.

Zur Ermittlung der Lemmata wurden zunächst die größten allgemeinen Literatur­lexika systematisch ausgewertet, dann die für unseren Zeitraum relevanten nieder- sächsischen Regional- und Lokallexika, als dritte Hauptquelle der systematische Katalog der wissenschaftlichen Bibliothek des Stadtarchivs sowie schließlich die Sekundärliteratur zum Thema. Neben den bei der Auswertung gesammelten zahllo­sen Querverweisen erschlossen sich wertvolle Ergänzungen aus der Zeitungsaus- schnittsammlung des Stadtarchivs (Stadtdokumentation), aus dem Archiv der Hildes­heimer Allgemeinen Zeitung sowie aus den Reaktionen auf einen von der HAZ am 11. November 1993 veröffentlichten Aufruf. Von den auf diese Weise ermittelten annä­hernd vierhundert Namen konnten nach eingehender biographischer und bibliogra­phischer Recherche 213 in die Liste der Lemmata aufgenommen werden.

 

Danksagung

Das Hildesheimer Literaturlexikon entstand in enger Kooperation mit dem Hildesheimer Stadtarchiv, dessen Leiter, Herrn Dr. Herbert Reyer, und Mitarbeitern für die über Jahre gewährte Unterstützung von mehr als einhundert Verfassern an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei. In besonderer Weise gilt dies für Frau Ursel Heuer und Herrn Harald Braem, die nicht nur einen vollständigen Korrekturgang durchführten, sondern dabei auch zu zahlreichen Einzelfragen ergänzend recherchierten. Nicht we­niger Anerkennung gebührt den Mitarbeitern der Universitätsbibliothek Hildesheim, die die Last von mehreren tausend Femleihbestellungen trugen.

Das Lexikon wäre nicht zustande gekommen ohne die von Anfang an vertrauens­volle Zusammenarbeit mit dem Georg Olms Verlag in Hildesheim. Dessen Direktor, Herr Dr. Eberhard Mertens, hat das Projekt von der Konzeptionsphase bis zur Aus­stattung des Bandes unterstützt und gefördert.